
Kaninchen – Meister des Versteckens
Bisher haben wir uns die „Jäger“ betrachtet, jetzt kommen wir mal zu den „Gejagten“, denn da läuft leider einiges anders.
Beutetiere leben evolutionär gesehen in ständiger Angst gefressen zu werden und in der Natur wird meist das schwächste Tier zuerst zum Mittagessen. Was ist also die logische Konsequenz für ein krankes oder verletztes Kaninchen? Es wird so lange so tun als hätte es kein Problem, bis es das nicht mehr aushält. Und dann klärt der Fuchs das Problem.
Unsere Haustierkaninchen haben diesen Instinkt leider immer noch und so bemerken wir Menschen ihre Schmerzen meist erst dann, wenn sie schon stark ausgeprägt sind – oder manchmal gar nicht, weil die Tiere sich schleichend verändern. Da sind wir dann wieder beim „der wird halt alt und ruhiger“. Also müssen wir bei diesen Tieren NOCH aufmerksamer sein und uns den „echten“ Status des Tiers ein wenig zusammenpuzzeln.
Futteraufnahme und Gewicht
Das Fressen ist ein Indikator, aber er eignet sich nicht als alleiniger Parameter. Der Überlebenswille ist stark in den Tieren und deshalb fressen sie auch unter stärksten Schmerzen häufig weiter. Ich habe Tiere mit komplett vereiterten Kieferhälften gesehen, die Übergewicht hatten!
Also schauen wir uns nicht nur an, OB sie fressen, sondern auch WIE. Kaut ein Tier einseitig oder langsamer, sieht die Kaubewegung „unrund“ aus, knirscht es mit den Zähnen, sucht es bestimmtes Futter, meidet es bestimmtes Futter, hat es verklebte oder nasse Mundwinkel vom Speichel.
Besonders oft sehen wir diese Symptome natürlich bei Zahnproblemen, die auch meist schmerzhaft sind. Die Frage ist: Wo hat das Tier sein Zahnproblem her und die Antwort dafür ist, ganz häufig, Schmerz in ganz anderen Bereichen.
Körperhaltung und Verhalten
Natürlich gibt es auch bei Kaninchen Körperhaltungen, die auf Schmerzen hindeuten. Klassisch ist das Herunterdrücken des Popos bei Schmerzen im Bereich Blase / Gebärmutter / hinterer Rücken oder flaches auf-den-Bauch-Legen bei Bauchschmerzen. Auch Kaninchen können ruhiger erscheinen oder plötzlich z.B. den Sprung auf die Couch meiden. Natürlich können sie auch einfach „humpeln“.
Außerdem gibt es auch bei Kaninchen ein sogenanntes „Schmerzgesicht“, dazu kommen wir im nächsten Punkt.
Ein weiteres Werkzeug: der Rabbit Grimace Scale
Auch wenn es kein schönes Thema ist, machen wir einen kurzen Ausflug in die Versuchstierkunde. Bei Tierversuchen muss objektiv beurteilt werden, ob ein Tier Schmerzen hat oder nicht und zwar objektiv von jedem Mitarbeitenden, egal ob empathisch, Kaninchenkenner, … Also hat man ein Punktesystem erstellt basierend auf der Mimik des Kaninchens, welches uns auch bei den Hauskaninchen weiterhelfen kann. Unter https://nc3rs.org.uk/3rs-resource-library/grimace-scales/grimace-scale-rabbit kann man sich ein Poster herunterladen, wo diese Scala erklärt ist und wir empfehlen Kaninchenbesitzer:innen mit kranken Tieren das ruhig immer mal wieder durchzuführen um zu sehen, ob es schleichende Veränderungen gibt. Inzwischen gibt es auch eunsere eigene Version als Grafik, wer damit besser zurecht kommt: www.tierarztpraxis-geske.de/downloads
Zum Abschluss ein ganz, ganz, GANZ wichtiger Punkt:
Schmerzen können für Kaninchen viel schneller weitreichende Konsequenzen haben als bei Hund oder Katze, weil JEDER Grund nicht perfekt zu Fressen zu einem Zahnproblem mit der ganzen Latte an Auswirkungen führen kann – oder zu einem akuten Magen-Darm-Problem, das unbemerkt schnell lebensbedrohlich wird. Daher müssen Schmerzen beim Kaninchen immer schnell bekämpft werden. Leider kursieren immer noch teils sehr veraltete Dosierungen, sodass viele Tiere nicht genügend abgedeckt sind, Kolleg:innen sei hier die Initiative Schmerztherapie (https://www.vetline.de/initiative-tiermedizinische-schmerztherapie-itis) empfohlen. Diese Empfehlungen sind zwar für Tierhaltende nicht zugänglich, die Empfehlung darf aber natürlich gern weitergegeben werden, falls noch nicht bekannt!
Und damit endet heute unser Schmärz. Wir hoffen, es waren ein par Anregungen dabei und wünschen Ihnen alles Gute!
